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July 15, 2008

Die Gemeinschaft ist das Unmögliche

Filed under: Networks / Common(s) — Berliner Gazette @ 15:58

Von RUDOLF MARESCH1

“Jugend” ist ja ein höchst schillernder Begriff geworden. Bei manchen dauert sie bis Ende dreißig, bei anderen bis fünfzig oder gar bis ans Lebensende. Es war und ist bekanntlich unsere Generation gewesen, die den Jugendlichkeitswahn für sich entdeckt und ihn dann kultiviert hat, von der Mode über Stilfragen und Ernährungsgewohnheiten bis hin zur Rock- und Popkultur.

Natürlich braucht es für gelingende Freund- oder Liebschaften mehr als gemeinsam veranstaltete Grill-, Sauf- oder Kiffabende. Es braucht Themen, Ideen und Gefühle, die Enthusiasmus erzeugen, einen hohen Intensitätsgrad besitzen und starke mitmenschliche Bindungen untereinander hervorrufen. Nur, wo Seele zu Seele findet, Geist zu Geist; nur, wo Zusammengehörigkeit um ihrer selbst willen und nicht wegen eines Zweckes gesucht wird; und nur, wo aus dem Ich und Du sogar ein Wir hervorgeht, kommt es zur echten Gemeinschaftsbildung. In diesem Sinne wohnt Freundschaften von Anfang an ein irrationaler Zug inne, der der Welt des Kalküls, der Buchführung und des Geldhandels unversöhnlich gegenüberstehen.

Seit die Anerkennungsdialektik weniger von Angesicht zu Angesicht als vielmehr übers Visuell-Technische läuft, wird der Wunsch, sich im Anderen zu spiegeln und/oder sich vom Anderen gespiegelt zu wissen, von Idolen, Zeichen und Symbolen gestillt. Vor allem in Jugendkulturen ist das zunehmend ritualisiert worden. Dort werden sie vor allem benutzt, um sich von anderen abzugrenzen. Den Zwangscharakter, den solche Insignien ausüben, den Konformitätsdruck, den Subkulturen erzeugen, sollte man nicht unterschätzen, besonders wenn sie von einem diffusen Begriff von “Freiheit” gespeist oder aufgehübscht werden.

Der Mensch sprüht zwar oft vor Einfällen, schwätzt gelegentlich aber auch zu viel. Eines ist aber sicher: Werden Zeichen und Symbole nicht mit konkreten Inhalten gefüllt, bereichern sie nur das reichhaltige Füllhorn hohler und leerer Phraseologie. Das hat nicht nur der postmoderne Diskurs zu Genüge gezeigt, das lernt auch jeder Philosophiestudent im Hegel-Proseminar, aber auch jeder, der für einige Zeit Lebensstile, Deutungsmuster und Jargon solcher Communities geteilt oder kopiert hat.

In meinem Fall waren das genau jene Themen, die man von meiner Generation im Allgemeinen auch erwartet: Musik, die der Who und der Deads etwa; Bücher, die von Hesse, Kerouac und Castaneda; diffuser Protest gegen die spießige Erwachsenenwelt, der sich in vermeintlich nonkonformistischer Haltung, mit langen Haaren, schlampiger Kleidung und Pseudosprachen geäußert hat; aber auch das gemeinsame Leiden an Frauen, an solchen, die man haben konnte und nicht wollte, und solchen, die man haben wollte, aber nicht bekam.

Später, nachdem “Klingsors letzter Sommer” vorbei war, “Gammler, Zen und hohe Berge” sich als leeres Versprechen herausgestellt hat und sich auch der “Steppenwolf” zur Ruhe gelegt hatte, besetzte Politik den frei gewordenen Platz des Koenigs. Statt “Jungromantik”, Eskapismus und Kleinstadt-Dandytum wüteten für einige Zeit kommunististischer Verbalradikalismus und das Geschwurbel von der Verbesserung der Welt.

Bewährt hat sich, sieht man von der wiedererwachten Liebe zum Rock’n’Roll einmal ab, relativ wenig. Die sentimentalen und die Vergangenheit verklärenden Blicke verraten es längst. Die bereits anrollende Welle der 68er dieses Jahr wird reichlich Anschaungsmaterial dafür bieten. Im Rückspiegel betrachtet waren, wie wir inzwischen wissen, etliche Dummheiten, Naivitäten und Ideologien im Spiel, die das Erleben neuer Erfahrungen, das Entdecken anderer Realitäten oder den Zwang zum eigenen Denken eher behindert als gefördert haben. Vom Ausschlusscharakter, den alle diese Zwangsformen in sich tragen, mal ganz zu schweigen. Erst im reiferen Alter und in der Auseinandersetzung mit anderen Haltungen und Mentalitäten, lernt man, das Wichtige vom Aufgeblasenen zu unterscheiden und sich von Lautsprechern, wechselnden Moden, Stilen und Trends nicht mehr vereinnahmen zu lassen.

Geblieben ist allerdings der Widerspruchsgeist gegen Borniertheiten aller Art, gegen Wahrnehmungs- und Urteilsroutinen, die in fraglos befolgten Gewissheiten und selbstbewusster Realitätsverleugnung gipfeln und/oder sich häufig in selbst gestrickten Lebenslügen äußern. Sie der mentalen Inventur zu unterziehen, ist das, was mich neben der Wahrnehmung von dem, was ist, heute intellektuell allein noch reizt. Freilich war das Sich-Lösen von vertraut gewordenen Denkschablonen, das Akzeptieren auch “unbequemer Wahrheiten” und das nachmalige Aufbrechen zu neuen Ufern mitunter hart, beschwerlich und schmerzhaft. Vor allem Freundschaften haben darunter gelitten. Nicht wenige sind daran zerbrochen oder werden seitdem nur noch lose gepflegt. Schon daran sieht man, dass auch starke Gefühlsbindungen flüchtigen Charakters sind und man mit Ritualen, Symbolen und Zeichensystemen nicht unbedingt weit kommt.

Mit Menschen anderer Kulturen, Hautfarbe oder Sprache hat das aber wenig zu tun. Auch als Jugendlicher hatte man via Schüleraustausch, Festivals und den Besuch einschlägiger Lokale oder Reisen mit der Bahn, per Autostopp oder später mit dem eigenen umgebauten Käfer hinreichend Kontakt zu ihnen. Warum auch nicht. Aufgrund des globalen Inhalts, den die Rock- und Popkultur und all ihre Insignien transportieren, lange Haare, Parka, Jeans, wurden Interessen, Themen und Zeichen ja geteilt. Die Erfahrung von Mangel oder Armut hat daran wenig geändert. Das kannten wir selbst. Um wie Keruacs Helden on the road in die Ferne schweifen zu koennen und unseren diffusen Traum von Freiheit und Ungebundenheit zu frönen, mussten wir vorher erst in die Fabrik ans Fließband, um uns dort das entsprechende Kleingeld für den Traum von Freiheit hart zu erarbeiten. Von Pfadfindern, christlichen Amenpredigern oder Dritte-Welt-Junkies habe ich damals im Übrigen nie viel gehalten.

Interessanterweise erfährt der Gemeinschaftsbegriff, nachdem ihn die Soziologie verabschiedet und durch den der Gesellschaft ersetzt hat, in der Literatur und Philosophie eine kleine Renaissance. Verwundern kann das nur den, der die “weichen Wissenschaften” nicht kennt. Anders als in den “harten Wissenschaften” ist dort der berechnende Verstand noch wenig, der Wunsch nach geistiger und seelischer Nähe dafür umso stärker ausgeprägt.

Es war der Straßburger Philosoph Jean-Luc Nancy, der vor einem Vierteljahrhundert “eine Gemeinschaft” skizziert hat, zu der wir alle via Geburt, Herkunft oder Sprache fraglos dazugehören. Diese Gemeinschaft, er meint damit “die Menschheit”, stellt bestimmte Ansprüche an den Einzelnen und legt ihm gewisse Pflichten auf. Weil sie von Sprachen, Kulturen, Ethnien und Geschlechtern, Traditionen und Symbolen abstrahiert, bleibt sie in seinen Augen “undarstellbar”.

Maurice Blanchot, Dichterphilosoph und Wanderer zwischen den politischen Extremen, hat Nancys “Gemeinschaftsforderung” später mit der kommunistischen Idee einer sich selbst genügenden, sich selbst transparenten Gesellschaft verknüpft. Um deren historische Existenz zu verbürgen, hat er außer zwei flüchtigen Ereignissen kaum Belege dafür gefunden: Den Mai 68, als Studenten, Arbeiter und Intellektuelle sich ohne Ansehen von Bildung, Geschlecht oder Klasse plötzlich zu einer spontan-explosiven Kommunikation zusammenfanden. Sowie ein Trauergeleit, bei dem eine bunte Vielheit (Multitude) ihren Toten stellvertretend für das gesamte Volk (gemeint waren die Bürger von Charonne) die letzte Ehre erwiesen haben.

In beiden Faellen will Blanchot “eine noch nie gelebte Art von Kommunismus” beobachtet haben. Indem sie nur zusammengekommen waren, um sich danach augenblicklich gleich wieder zu verlieren, vollziehen sie, die Revoltierenden von Paris ebenso wie die Trauernden von Charonne, trotz der sie trennenden Unterschiede die Gemeinschaftsforderung, ohne dabei in jenen Totalitarismus” zu verfallen, der zu den schrecklichen Blutbädern in Asien, im Osten Europas oder in Mittelamerika geführt hat.

Blanchots Beobachtung zeigt, dass die Gemeinschaftsforderung, die Nancy erhebt, Chimäre ist. Sie wird zur Farce, je größer die Gruppe oder Ethnie ist. Gemeinschaft stellt sich, wenn überhaupt, nur flüchtig ein, sie verschwindet, wenn das sie verbindene Element sich auflöst oder sich als Trugbild erwiesen hat. Die Gemeinschaft ist und bleibt das Unmögliche. Sie scheitert nicht an gesellschaftlichen Bedingungen, an Regeln, Normen oder Kommunikation, sie scheitert vielmehr an ihrer eigenen Maßlosigkeit, am Wunsch nach Verständigung, Versöhnung oder emotionaler Verbundenheit mit dem Anderen.

Der Ort, an dem uns das Gemeinschaftsverlangen sich als illusionär erweist, ist der Tod. Im Sterben des Anderen, vornehmlich eines Freundes oder einer Geliebten, erfahren wir unsere Endlichkeit hautnah. Indem wir den Tod des Anderen annehmen, ihn mit dem Freund zu teilen und ihn dabei wie den eigenen betrachten, bringt der Tod uns zwar außer sich, aber auch der Möglichkeit der Erfahrung von Gemeinschaft nahe. Aber nur kurzzeitig. Nach dem Tod des Anderen stellt sich das Gefühl des Verfehlens wieder ein. Der Mensch ist das, was ihm fehlt.

Darum gilt es, den Riss und den Abgrund, der die Menschen voneinander trennt, die Zerrissenheit, die uns durchzieht, auszuhalten und auf “Totalisierungen”, in welch wohlmeinender Absicht sie auch immer an uns herangetragen werden, zu verzichten. Es gilt die “Werklosigkeit” allen Werkens zu akzeptieren, auf Anerkennung zu verzichten und zu begreifen, dass “unmittelbar verwirklichte Utopien” ohne Zukunft und ohne Gegenwart bleiben. Nur die Erfahrung gemeinsamer Einsamkeit und Fremdheit schützt vor politischem Missbrauch. Bei rechtem Gebrauch öffnet sie, und das wäre mein optimistischer Ausblick, vielleicht sogar unbekannte Räume individueller Freiheit.


Dieser Text erschien im Februar 2008 zuerst in der Berliner Gazette im Rahmen des Themenschwerpunkts “minimum – auf der Suche nach dem Gemeinsamen“. Alle Rechte verbleiben beim Autor.

  1. Rudolf Maresch ist freier Medientheoretiker und Publizist. []

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