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October 10, 2008

Politische Dämonologie / Political Daemonology

Filed under: Networks / Common(s) — Crosswords Print Issue @ 11:04

Die Sache der Gemeinschaft bildet sich nicht mit dieser oder jener Gemeinsamkeit, sondern dadurch, dass ein Gemeinsames überhaupt auf dem Spiel steht. Sie konkretisiert sich am Hinzukommenden, am ungebetenen Gast. Wer nicht dazu gehört, fordert das Band des Gemeinsamen heraus; und was ‚wir’ sind, waren oder sein wollen, findet man nicht in geteilten Meinungen, gesetzten Übereinkünften, gemeinsamen Merkmalen oder Geschichten vor, es bestimmt sich vielmehr von einem Ort her, an dem der Überzählige in ‚unserem’ Namen verfolgt oder empfangen, verstoßen oder herbeigerufen wird. Das Boot ist immer schon voll oder kein Boot; der Nächste zu nahe oder nicht nahe genug. Das ergibt ein politisches Vexierbild, ein helldunkles Doppelgesicht: Das Gemeinsame der Gemeinschaft ist niemals desinteressiert und meint je nach Fall Bann, Verpflichtung und Ergebenheit zugleich. Mit ihm werden die politischen Unkosten – Opfer oder Selbstopfer – verrechnet; ein gemeinsames Gut ist nichts weniger als billig und ergibt sich für alle (Un-)Beteiligten nicht umsonst.

Damit begründet sich einerseits eine politische Dämonologie. Die Gemeinschaft erweist sich als Matrix, auf der sich die gemeinsame Sache der politischen Wesen und Unwesen formiert. Die cosa nostra von Stämmen, Nationen, Horden, Teams oder Korporationen zeigt sich hier im Entstehen und lässt im Tableau ihrer Kämpfe und Konfliktlagen die Dramen mikrologischer Differenzen und Grenzziehungen erscheinen: Gegenstand einer politischen Artenlehre. Andererseits existiert das Gemeinsame von Gemeinschaften nur imperfekt und in der Zeit, es kennt seine Vollendung nur auf Widerruf. Es bleibt an die Zeit der Entscheidung geknüpft und schwankt zwischen der robusten Schnellkennung des Feinds und den unabsehbaren Verweildauern, die die Ankunft des Freundes verlangt. Wo aber die Gemeinsamkeit selbst das Maß unseres Verweilens bestimmt, ist das Gemeinsame der Gemeinschaft weder abzählbar noch gegeben. Es gibt sich vielmehr im Mangel und im Überschuss zugleich: nimmt dich auf, wenn du kommst, und entlässt dich, wenn du gehst.

A contribution to the Crosswords print issue by Joseph Vogl for Polar, Berlin/Germany

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