crossXwords

July 7, 2008

Zu Besuch bei Monsieur Brahim

Filed under: Multilingualism / Territories / Migration — Mittelweg 36 @ 09:57

Von NIKOLA TIETZE1

Monsieur Brahim öffnet einen schwarzen Diplomatenkoffer, um uns – seinen drei deutschen Gästen in Imin Tiflut – die Auszüge seines französischen Kontos, den Mietvertrag und die Hausratsversicherung seiner Pariser Wohnung zu zeigen. Zwischen all den Papieren liegt das 70 Jahre alte Notizbuch eines Arztes. In arabischen Lettern auf Tashelhit, der Sprache der Berber, sind darin Rezepte zur Zubereitung von Heilkräutern und ihre Funktionen vermerkt. Mit Stolz verweist Monsieur Brahim auf dieses Familienerbe und die übrigen Papiere, die er wie einen Beweis seines Weltbürgerdaseins ständig in jenem Koffer verwahrt. Die in Frankreich als Wohnsitznachweis dienende Stromrechnung und das Notizbuch des Arztes sind für ihn die Klammern eines Lebens, das viele Grenzüberschreitungen in sich einschließt. Vor etwa 25 Jahren ist Monsieur Brahim auf seine erste Reise von Imin Tiflut – einem kleinen Dorf im marokkanischen Anti-Atlas – nach Paris aufgebrochen. Dank vieler Mühen und einiger guter Beziehungen hatte er einen marokkanischen Reisepaß erhalten. Nur eine Einreisegenehmigung nach Frankreich fehlte ihm. So hat er ohne eine Peseta mehrere Tage in Spanien an der französischen Grenze verbracht, um auf eine Gelegenheit zur Überquerung zu warten.

Bei seiner Ankunft in Paris 1972 konnte Monsieur Brahim Madame und Monsieur sagen. Heute parliert er in einem unerschöpflichen Wortschwall, auf französisch. Monsieur Brahim spricht nicht nur Tashelhit, seine Muttersprache, und Französisch, sondern auch Arabisch, die offizielle Landessprache Marokkos. Mit Leichtigkeit wechselt er zwischen den Sprachen, bisweilen vermischen sich alle drei in einem Satz.

Einen festen Arbeitsplatz hat Monsieur Brahim in Frankreich nie gefunden. Aber er besitzt heute das Recht auf eine französische Rente, die er seit seinem offiziellen 62. Lebensjahr erhält. In seiner Geburtsbescheinigung ist das Jahr 1932 festgehalten. In Wirklichkeit liegt der Tag seiner Geburt wohl acht Jahre davor, das genaue Datum ist unbekannt.

Viel Geld für seine acht Kinder und seine Frau konnte Monsieur Brahim nie nach Imin Tiflut bringen. Diese Aufgabe erfüllt nun einer seiner in die Emigration gegangenen Söhne. Der Vater habe sich eben immer mehr für europäische Ideen und Technik interessiert. Stolz zeigt er uns die Solarzellen auf dem Dach seines Hauses. Sie laden die alten, in Paris auf der Straße gefundenen Autobatterien auf, mit deren Hilfe man abends bei Licht zusammensitzen oder das marokkanische Fernsehprogramm verfolgen kann. In weiser Voraussicht hat Monsieur Brahim schon seit Jahren ein Wandtelefon zwischen glänzenden Tannenbaumkugeln installiert. Nach offiziellen Informationen wird er es bald anschließen können.

Seine Nachbarn hat er zum Tee auf die Dachterrasse seiner Garage eingeladen, um uns vorzustellen. Sie alle kennen das Leben in einer europäischen Großstadt, weil aus jeder Familie mindestens ein Mitglied Brüssel, Paris, Frankfurt oder Amsterdam in Imin Tiflut eingeführt hat. Die um uns sitzenden Männer sind über die günstigsten Angebote der ein oder anderen europäischen Metropole bestens informiert, sie kennen die Freizeitangebote, Baudenkmäler und Eigenheiten ihrer Stadtteile.

Monsieur Brahim besitzt nicht nur diese Garagenterrasse, unter der sich zwei verkehrsuntüchtige Autos verbergen, sondern auch ein großräumiges Haus im Dorf, einen nicht in Betrieb genommenen Teesalon am zehn Kilometer entfernten Suk, eine Wohnung in Agadir und, nicht zu vergessen, sein gemietetes Einzimmerappartement im 14. Arrondissement von Paris. An jedem ihm lieb gewordenen Ort hat er sich einen Platz gesichert. Er bewegt sich vom Dorf in die Großstadt, von Afrika nach Europa, vom Islam in die christlich geprägte Kultur, von wirtschaftlicher Armut in den Reichtum der Konsumgesellschaft, von der traditionellen familiären Abschottung zum Empfang von Fremden im engsten Familienkreis. Das Reisen hat ihn in gewisser Weise auch einsam gemacht, weil Imin Tiflut und der dortige Alltag nicht mehr sein Zuhause sind, während die anderen Orte nie zu einer wirklichen Heimat wurden. Das unerschöpfliche Mitteilungsbedürfnis dieses Mannes wirkt wie die Selbstversicherung seiner Präsenz hic et nunc. Monsieur Brahim ist auf seine Art ein Weltbürger, dem Imin Tiflut, Agadir und Paris zu enggeworden sind.

Als wir uns von Imin Tiflut und seinen Bewohnern verabschieden, steigt unser Gastgeber mit seinem schwarzen Diplomatenkoffer wie selbstverständlich in unser Auto ein. Zunächst will er nach Agadir. Warum? Wie lange? Keiner stellt ihm diese Fragen. Monsieur Brahim geht wieder auf Reisen.


Dieser Text erschien zuerst in Mittelweg 36, der Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Die Rechte verbleiben bei der Autorin.

  1. Nikola Tietze ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich “Nation und Gesellschaft” des Hamburger Instituts für Sozialforschung. []

No Comments

No comments yet.

RSS feed for comments on this post.

Sorry, the comment form is closed at this time.

Powered by WordPress